15.02. Sie nannten ihn Donnerfaust - Kapitel I

by SpielxPress Mahara

“Oh, Prata!”

Im nächsten Moment donnerte die mächtige Pranke des Drachen auf den Höhlenboden nieder, die einen ausgewachsenen Gollu-Ochsen problemlos zerquetscht hätte. Nur Drocas hervorragenden Reflexen war es zu verdanken, dass er im letzten Moment zur Seite sprang.

Donnernd traf die Pranke auf den Boden auf, der unter ihr erbebte. Schon schlug der Drache mit seiner anderen zu und Droca musste erneut ausweichen. Schlag um Schlag folgte ihm der Drache und jagte ihn wie eine Katze eine kleine Maus. Doch Droca war weit davon entfernt, eine Maus zu sein. Eine Maus hatte kein Schwert, um die Katze einfach zu köpfen. Und niemand hatte ein Schwert wie Droca. Geschmiedet aus schwarzem Stahl und dazu in der Lage, Drachen zu töten. Und wenn das nicht reichen sollte, würde Droca dem Drachen einfach eine runterhauen, dann wäre Ruhe.

 

Garitt sah sich unter seinem Kaputzenumhang verstohlen in der spärlich erleuchteten Taverne um. Hier sollte der Fremde eingekehrt sein, den alle nur “Donnerfaust“ und “Schädelspalter“ nannten. Laut der Beschreibung musste er nicht schwer zu finden sein: „Größer als jeder Mann. Mit Armen so dick wie Beine. Muskeln so stark wie bei einem Gollu-Ochsen. Grüne Augen und Haare rot vom Blut seiner Feinde.“ Zweifelsohne ein Barbar aus dem entlegensten Süden der unentdeckten Lande. Selbst unter den Halunken, Halsabschneidern und Abkömmlingen der verschiedensten Rassen, die sich in dem Raum tummelten, würde der Krieger, den Garitt suchte, herausstechen. Nur so wie die Gestalten ihn anblickten, glaubte Garitt mit einem Mal, dass er vielleicht gar nicht mehr dazu käme, seinen Auftrag auszuführen.

Schon seit seiner Jugend deutlich von schmächtiger Gestalt gehörte er eher an den Hof als hier in eine solche Schenke. Zudem schien sein offensichtlich edler Aufzug aus gerade hier leuchtenden Farben nicht gerade dazu beizutragen, dass man ihn nicht wahrnahm. Hätte er doch lieber auf Meister Forn gehört und sich dieses flohverseuchte Bauerngewand übergeworfen. „Und ein bisschen Dung auftragen, kann auch nicht schaden.“ Garitt hatte beides abgelehnt. Und drohte nun, seinen Hals aufgeschlitzt zu bekommen und sein noch junges, erst zwanzig Ernten zählendes Leben zu beenden. Selbst der Wirt sah ihn an, als wollte er ihm gleich den Schädel einschlagen und diesen als Bierkrug benutzen.

Als einige übel aussehende Kreaturen – anders vermochte Garitt sie nicht zu nennen – sich von ihren Stühlen erhoben und in seine Richtung kamen, beschloss der Jüngling die Flucht nach vorne. Kaum hatten die Gestalten ihn erreicht, wandte er sich an den Gastwirt.

„Guter Mann.“

Das schien die falsche Ansprache, denn nicht nur der Wirt lachte bellend los, sondern vor allem die Kreaturen, welche durch ihr dreckiges Grinsen ihre abscheulichen Zähne zeigten.

„Guter Mann?“ Die Stimme des korpulenten Wirts, dessen Schürze noch nie Wasser gesehen hatte, war dröhnend und abfällig. „Du kommst wohl direkt aus dem Palast. Ein Hofschanze, was?“

Die Kreaturen rückten näher an Garitt heran, der sich so schmal wie möglich zu machen versuchte. Ebenso mühte er sich um einen möglichst abweisenden Gesichtsausdruck.

„Äh, aus dem Palast? Ich? Man merkt wohl, dass Ihr noch nicht viele aus dem Palast gesehen habt, sonst würdet Ihr direkt wissen, dass ich natürlich nicht von dort komme.“

Der Wirt beugte sich grinsend vor und drückte eine Geruchswolke in Garitts Gesicht, welche die Sinne des Jünglings für einen Augenblick schwinden ließ.

„Ich habe noch nie einen aus dem Palast in meine Schenke einkehren sehen. Und noch nie jemanden wie dich. Was sagt dir das?“

Die Kreaturen grinsten Garitt an. Schon glaubte er zu spüren, wie sie rostige Messer aus ihren lumpenhaften Gewändern zogen. Sicher würden sie ihn an Ort und Stelle aufschlitzen und seine Gedärme auf dem dreckigen Boden verteilen, der wahrscheinlich schon oft Lagerplatz für Gedärme armer Aufgeschlitzter geworden war. Garitt hätte sich auch nicht darüber gewundert, wenn sie ihn nach ausgeführter Tat, einfach um den Tresen geschoben hätten und der Wirt aus seinen Überresten ein üppiges Mahl bereitet hätte. Die erste Spitze einer schartigen Waffe drückte schon merklich an Garitts Rücken.

„Ich suche den, welchen man “Donnerfaust“ nennt.“ Die Worte sprangen einfach so aus ihm heraus. Warum, wusste er nicht. Ihm war mehr nach “Hilfe“ gewesen, aber was hätte dies hier schon genutzt. Es gab wohl nichts, was das Unvermeidliche vermieden hätte und so waren dies wohl nun seine letzten Worte, da sein Ende beschlossene Sache war…

Oder auch nicht.

Es passierte nichts.

Im Gegenteil.

Sichtbar rückten die Kreaturen von ihm ein Stück ab. Wie bei ihnen hatte sich auch die Mine des Wirtes deutlich verändert. Verschwunden war die Selbstgefälligkeit und Boshaftigkeit. Statt ihrer zeigte sich – für Garitt in der Situation völlig irritierend – so etwas wie… Angst.

„Donnerfaust?“, fragte der Wirt ungläubig.

Garitt räusperte sich und begann wieder zu atmen. „Man nennt ihn auch “Schädelspalter“, wenn der Name Ihnen geläufiger ist.“

Unwillkürlich gingen die Blicke des Wirtes und der Kreaturen hin zu einer besonders dunklen Ecke ganz am Ende der Schenke. Schemenhaft konnte man dort eine Gestalt sitzen sehen, die anscheinend aß. Fressen traf es wohl eher, denn was auch immer sie vor sich liegen hatte, war nur noch der völlig zerfetzte Leib dessen, was auf eine ungezügelte Nahrungsaufnahme hindeutete, die man nur von einem Barbaren kannte. Selbst die Kreaturen zu Garitts Seiten, die nun merklich langsam immer weiter zurück wichen, benutzen wenigstens Messer, vielleicht sogar Teller, brieten ihr Essen. Barbaren hingegen standen in dem Ruf ihre Beute sogar roh, wenn nicht sogar lebend zu verspeisen. Zudem wurde man davor gewarnt, nicht in das Fressgelage einen Barbaren zu kommen. Zu leicht konnte man in dessen Magen verschwinden.

Garitt beschloss, das Risiko einzugehen. Er nutze lieber den unverhofften Moment, der die widerlichen Kreaturen – Orks schätzte er, wenn nicht Schlimmeres – um sich herum erstarren ließ, und zum fressenden Barbaren zu gehen. Der ihn eventuell vertilgte, wenn er sich nicht vorsichtig verhielt, was aber eine bessere Aussicht war, als hier stehen zu bleiben und darauf zu warten, dass die Orks – oder was sie waren – wieder erwachten und er ganz sicher ausgeweidet auf dem Spieß über dem Feuer landete.

Um Verzeihung hüstelnd, drückte er sich an den Gestalten vorbei, passierte mit ähnlichen entschuldigenden Gesten andere sich im Raum tummelnde Personen, die ihm mit finsterer Miene nachblickten, jedoch auch Verwunderung zeigten, als sie sahen, wohin er sich begab.

Je näher er dem immer lauter werdenden Schmatzen kam, desto dunkler wurde es. Keiner hatte es gewagt, die abgebrannten Kerzen in der Nähe des Barbaren zu ersetzen. Diesen schien dies nicht weiter zu stören, was Garitt nicht wunderte. Wo der muskelbepackte Hüne herkam, waren Kerzen wohl noch nicht erfunden. Wahrscheinlich nicht einmal das Feuer.

Obwohl nur noch vereinzelnd Kerzen brannten und alles nur noch dunkler erscheinen ließ, als es war, konnte Garitt gut erkennen, dass die Beschreibung des Mannes, den er suchte, nicht übertrieben war, eher noch untertrieben. Der Barbar war wahrlich der imposanteste Mann, den Garitt je gesehen hatte. Sein muskelbepackter nackter Oberkörper deutete auf ein Leben, in dem er nur zum Schädeleinschlagen benutzt worden war. Noch nie hatte Garitt so kräftige, breite Arme gesehen.

Das strähnige kupferrote Haar des Hünen fiel diesem lang ins Gesicht und schien nur von stumpfen Messern gekürzt worden sein. Seine Hände waren so groß, als könnten sie alleine den Schädel eines ausgewachsenen Mannes einfach zerquetschen. Im Moment nutzte er sie dazu, ein fettig gebratenes Wildschwein zu zerlegen, wobei er gleichzeitig seine Zähne hineingrub und laut rülpste.

Garitt wurde es augenblicklich übel. Er hatte noch nie einen Menschen so essen sehen. Am liebsten wäre er direkt umgekehrt, um sich draußen zu übergeben. Aber sein Auftrag war zu wichtig, als dass er es zugelassen hätte, dass ein rebellierender Magen ihn davon abhielt, diesen auszuführen.

Deshalb stellte er sich gut sichtbar vor dem Barbaren auf und räusperte sich.

Der Barbar aß weiter und würdigte ihn keines Blickes.

Garitt hüstelte erneut.

Keine Reaktion.

Schließlich ging Garitt zu einer anderen Taktik über.

„Seid Ihr derjenige, den man “Donnerfaust“ und auch “Schädelspalter“ nennt?“

Nichts.

„“Träger des schwarzen Schwertes“?“

Der Barbar riss ohne große Mühe eine Keule ab und schien sie im Ganzen verschlingen zu wollen.

„Mein Herr, König Broda schickt mich, Euch zu Ihm zu bringen.“

Statt einer Reaktion des Barbaren, bemerkte Garitt zu seinem Entsetzen, dass die Orks sich wieder neben ihn gesellt hatten. Ihre grausigen Gesichter hatten wieder den verschlagenen, brutalen Gesichtsausdruck angenommen.

„Der Barbar scheint dich nicht zu kennen“, säuselte der Anführer der Bande mit einer Stimme, die klang, als hätte man ihm mehrmals die Kehle durchgeschnitten.

Garitt wollte etwas erwidern, aber die rostig schartige Klinge eines anderen Orks, die über seinen Hals kratzte, hinderte ihn daran.

„Wie wär’s, wenn du dich zu uns gesellen würdest“, fuhr der Anführer fort. „Wir sind sehr gespannt darauf, dich kennen zu lernen. Alles von dir. Besonders dein Inneres.“

Die anderen Orks lachten dreckig und leckten sich mit ihren pockigen lila Zungen genüsslich anzüglich über die Münder.

Garitt wollte schreien, aber seine Kehle war vollkommen trocken.

Die Orks lachten laut und griffen nach ihm, um ihn wegzuführen.

„Gibt’s Gold?“

Die Worte kamen so unvermittelt, dass Garitt aus seinem Entsetzen gerissen wurde. Er brauchte einen Moment, bis ihm klar wurde, dass es die Stimme des Barbaren gewesen war, die gesprochen hatte. Eine Stimme, so tief und kräftig, dass man sie mühelos auch durch den Lärm der Schankstube hören konnte.

Auch die Orks wirkten irritiert und blickten alle ungläubig in die Richtung des Barbaren.

Garitt witterte seine Chance. Er war nicht umsonst an Hofe so hoch aufgestiegen, wenn er nicht immer bemerkt hätte, wann sich eine Gelegenheit für ihn bot.

„Ja, eine hohe Belohnung“, brachte er mit Anstrengung hervor.

Der Barbar schien zustimmend zu brummen. Dann schmatzte er weiter. Und rülpste vernehmlich.

Die Orks warteten ein Moment mit irritiert fragendem Blick. Als nichts geschah, wollten sie mit Garitt davon.

„Hierlassen.“

Wieder die bässerne Stimme des Barbaren.

Der Orkanführer drehte sich zu ihm um.

„Wie meinen?“

Weiteres Schmatzen. Und Rülpsen.

„Der gehört mir.“

Die Orks sahen sich an. Ihre Blicke verrieten eine Mischung aus Panik und Überheblichkeit. Einer deutete mit einem Kopfnicken neben den Barbaren und zeigte damit an, dass die Waffe des Hünen, ein mächtiges Schwert, dessen Klinge so schwarz war, dass man sie in der Finsternis gar nicht sehen konnte, außer Reichweite des Barbaren an die Wand gelehnt stand. Schließlich zogen die Orks alle grinsend ihre schäbigen Waffen.

„Und wenn wir ihn mitnehmen?“

Erst passierte nichts.

Was dann passierte, würde Garitt bis zu seinem Tod in seinen Träumen verfolgen.